Osterpredigt 2002 von P.Ludger Hillebrand S.J.
Thema: "Gibt es ein Leben nach dem Tod?"
Angeregt durch Ideen von P.Josy Hösl S.J. und P.Karl Liesner S.J.
Zwei Embryos im reifen Alter von 8 Monaten unterhalten sich. Lange schon sind die beiden zweieiigen Zwillinge zusammen. Sie kennen ihre Welt und sich. Trotz, daß sie im gleichen Milieu leben, haben sie sich im Lauf ihres langen Lebens allerdings unterschiedlich entwickelt. Sie sieht man öfter mit gefalteten Händen. Ihr Kopf senkt sich manchmal. Er verschränkt beide Arme vor der Brust und schüttelt manchmal sein Haupt. Alte Leute haben so ihre Erfahrungen miteinander. Hören wir, was sie sich zu sagen haben: 

"Du spinnst," er versucht geduldig zu sein und kann es nicht fassen, "Was sie schon wieder von sich gibt !" "Ein Leben nach der Geburt soll es geben ?" "Wer hat dir denn diesen Unsinn in den Kopf ge-setzt ? Weibergeschwätz !" 
"Doch es muß ein Leben nach der Geburt geben !" Sie hebt ihren Kopf.
Er trotzig : "Wie soll denn das ausssehen ?" 
"Ich weiß nicht genau ." tönt es zaghaft von ihr. 
"Ach, du weißt es nicht genau ?" "Aber du glaubst daran." 
"Ja,"... "Ja, ich glaube daran."
Er versucht es mit Geduld : "Schau dich doch um : Wir leben im Wasser und durch die Schnur kommt alles, was wir brauchen. Wir werden ungefähr 9 Monate alt und sterben dann im reifen Alter. So war das schon immer. Spätestens nach 9 Monaten ist Schluß. Das mußt du doch akzeptieren. 
Sie : "Nein, nach 9 Monaten werden wir diese unsere wässrige Welt verlassen und dann kommen wir ....." Sie zögert etwas wegen des kühnes Gedankens, "... dann werden wir unter dem Himmel leben."
"Wo werden wir leben ? Unter dem Himmel ?! Wie lang soll denn die Nabelschnur sein, wenn wir hier aus der Blase des Wohlbefindens ausgestoßen werden ? Zwei Meter ? Fünf Meter ?" "Wie stellst du dir das vor ein Leben außerhalb des Wassers ? In der Luft sind wir tot.Tot sage ich Dir ! In der Luft ist doch kein Leben möglich "
Sie etwas unsicher : " Wir werden dann, ja ohne Nabelschnur, ... ?" "Vielleicht ,vielleicht , .... atmen wir dann beispielsweise mit dem Mund."
Er grinst von einem Ohr zum anderen. "Seid wann kann man denn mit dem Mund atmen ? Er ist da, damit wir unsere Stimmungen ausdrücken können. Sonst ist er überflüssig. Außerdem ist er immer voller Wasser. Hast du den keine Ahnung von Biologie ? So dumm kannst Du doch gar nicht sein ! Die Nabelschnur versorgt uns mit Sauerstoff, sie versorgt uns mit Nahrung, sie transportiert alle Giftstoffe wieder ab. Sie ist die Mitte unseres Lebens. Sie ist die Mitte unseres Daseins. Mit dem Ende unseres Körpers atmen ? Du tickst doch nicht richtig !" "Welch krumme Gedanken, nicht mehr die Mitte des Körpers im Blick zu haben !" "Woher hast du nur diese neumodischen unwissenschaftlichen Ideen ?"
"Ich spüre es eben, daß es ein anderes Leben gibt."
"Du spürts es ?" "Wo spürst du es denn? In deinem heiligen Bauch? Oder etwa im Kopf ?"
"Ich spüre es eben. Ich spüre es wie unsere Mutter ."
Er wird laut : "Unsere Mutter ? Du glaubst an eine Mutter ? Wo soll denn die sein ?"
"In ihr bewegen wir uns und sind wir, wir sind nach ihrem Ebenbild (Gen 1) geschaffen, wir sind ihre Kinder, sie sorgt für uns, sie. ... (Apg 17,28)."
"Das halte ich nicht mehr aus ! Erst das Gefassel von dem Leben nach der Geburt und jetzt auch noch die Mutter ! Wir sind erwachsen, Du kannst doch mit Deinen 8 Monaten nicht mehr an Kindergeschichten glauben ! Das kann doch nicht wahr sein. Wir leben hier im Dunkeln, im Wasser, mit Geräuschen, in einer Blase, und die Nabelschnur ist die Mitte der Welt."
"Und was ist außerhalb der Nabelschnur ? Und was war vor der Nabelschnur ?"
"Nein, nein, nein. Das hatten wir doch schon mal. Komm mir nicht mit so spitzfindigen Gedanken ! Das führt zu gar nichts. Finde dich mit der Nabelschnur ab. Hör auf deinen Bauch, er ist das Zentrum, in ihm kommt alles zusammen." 
"Doch ich glaube an die Mutter." 

"Du glaubst an die Mutter, obwohl du sie noch nie gesehn hast ?"
"Ich muß sie nicht sehen. Ich fühle sie, ich glaube an sie."

Er muß sein weises altes Haupt schütteln : "Du siehst sie nicht, du hast kein wissenschaftliches Interesse für die wichtigen Dinge des Lebens. Du denkst mit dem Kopf und nicht mit dem Bauch. Frauen sind halt anders ! Du bist seltsam." "Mutter !?" 
Aber sie spricht doch mit uns ! Ich höre es doch!"

"Sie tut was ?" "Oh, jetzt spreche ich schon so, als gäbe es eine Mutter. Du verdrehst mir echt meinen Verstand. Wahrscheinlich redest sie sogar mit ihr. So ein Quatsch ! Also Schwesterchen : Die Geräusche, die wir wahrnehmen sind Schwingungen des Wassers, sie ergeben sich aus unseren eigenen Körpervorgängen." 
"In den Geräuschen, wenn wir ganz leise werden, hören wir unsere Mutter und sie hört uns. "

"Ich mag nicht mehr. Es gibt keine Mutter, wenn ich ganz leise werde, höre ich dich schnarchen. Du bist so realitätsfremd !" "Sieh es doch ein: außer uns gibt es nichts, wenn wir durch die Öffnung ausgestoßen werden sind wir tot. Es ist auch noch niemand von dort hierher zurückgekommen." "Es kann kein Leben nach der Geburt geben." "Es ist unmöglich, es ist unmöglich !" "Bevor wir sterben, werden wir noch einmal furchtbar schreien und dann ist Schluß ! Die Öffnung ist so klein, daß wir zerpreßt und zerstört werden. Genieß hier das Leben in der Blase und hör endlich auf rumzuspinnen ! Schwesterchen, sei doch mal ein wenig vernünftig!

" Wir werden es ja sehen. Wir werden es ja sehen," sagt sie. "Der Himmel wird sich öffnen."

Philosophisch gesehen : 
Hat er nicht die besseren Argumente ? Ist ihr Bewußtsein nicht ein wenig zu kühn ? Mutter und ewiges Leben ?

Auf der Ebene der Erfahrung regt sich ebenfalls Widerspruch : 
Die Jünger konnten es nicht glauben. Sie liefen noch mal hin, um nachzusehen. Jesus war doch ganz zerstört gewesen. Folter, nackt am Kreuz, der Schrei des Todes !
Man wird doch keiner Frau glauben! Maria von Magdala, mit ihren Tränen ! Wahrscheinlich zu viel Gefühl und zuwenig Verstand ! Ein Leben außerhalb unserer Welt ? Wie soll das denn gehen ? Es ist doch noch noch nie jemand zurückgekommen und spätestens 90 Jahren ist Schluß! Ein Leben nach der Geburt, nach dem Tod ? Frauen reden halt.

Was aber ist wenn sie doch recht haben ? Was ist wenn die Tränen Marias von Magdalas zu den Wehen einer neuen Welt gehören ?

Ein Mitbruder sagte zu der Geschichte der Embryos: nett, aber wo kommt Jesus vor und wo das gläubige Bewußtsein, daß seine Welt mit unserer verbunden ist ?

Nun, ich glaube, daß Jesus die Hebamme der neuen Welt ist : Sie weiß, was uns gut tut und hilft, daß die Geburt nicht so schmerzvoll ist. Ihre behütenden Hände helfen uns, ihre Worte trösten im Schmerz. Und unsere Gebete sind so etwas wie Schwangerschaftsgymnastik. Durch den engen Geburtskanal hindurch werden wir zu ihm, der uns erwartet, finden.

AMEN Halleluja